Das Dank-Experiment: Danken statt Denken!

Natürlich klingt diese Blogpost-Überschrift plakativ und sie ist es auch. Doch das Dank-Experiment, das ich seit einer Woche durchführe, führt tatsächlich zu einer stimmigeren Sicht meiner Lebenssituation. Es dient außerdem dazu, dass es mir besser geht.

Die Prämisse hinter diesem Dank-Experiment lautet: Meine Unvollkommenheiten, Baustellen am Arbeitsplatz und in der Familie, die eigenen Schwachheiten und selbst meine Wahrnehmung der Dinge stellen nicht das letztgültige Kriterium dar für ein Erfassen der Wirklichkeit.

Durch positives Denken, rauschhafte Substanzen, Fantasiereisen o.ä. kann ich mir meine Lebenssituationen zwar schönreden, trinken oder auch einfach auf Abstand gehen. Doch den Abgleich mit der Realität, eine Bejahung oder gar Veränderung zum Guten erreiche ich so nicht.

Durch Danken aber rede ich mir die Realität nicht schön, sondern ich breche zur Wahrheit durch!

Und so funktioniert das Dank-Experiment: Jedes Mal, wenn ein Schatten oder eine schwere Schwärze durch meine Gedankenwelt huscht wegen der Menschen, die mir wichtig sind, oder wegen bedrückender Umstände im Betrieb, dann danke ich unmittelbar für diese Menschen, den Betrieb oder die Gemeinschaft, in der es nicht rund läuft.

Seit Einführung dieser Dank-Schranke sehe ich die Welt und mein Leben wieder anders. Und erzähle anders darüber. Und sehe anders aus in meinem Gesicht. Den Vorgang an sich kennt man vielleicht aus der Psychologie o.ä., doch es passiert auch etwas Geheimnisvolles. Innere Zerrissenheit weicht einer Stimmigkeit mit der Wirklichkeit. Durch den Ausdruck von Dank fühle ich mich der Realität näher! Sie wird farbenfroher, bunter und leuchtender – also erheblich realer.

Dabei geht es nicht darum sich dankbar zu fühlen oder überhaupt etwas zu fühlen! Es geht nicht ums Fühlen sondern ums Danken. Es geht nicht ums Denken sondern ums Danken. Das ist etwas anderes, wenn ich drohe in den Zerbrochenheiten der Welt oder der Lebenssituationen zu versinken, dann aber „Stopp!“ zu sagen und „Hey, Danke für ….. !“ zu formulieren. Eine neue veränderte Sicht der Wirklichkeit hat mich wieder. In einem Moment.

Und wenn ich nichts habe, das mich beschwert, oder wofür ich einen Moment des Danks einschalten möchte, dann sage ich: „Danke für das Jetzt!“ – und mach eine kleine persönliche Jetzt-Party! So hat man den Vorteil, dass man auch immer gleich etwas zu feiern hat. Wenn man für den jetzigen Augenblick dankt, kann man ihn wertschätzen, bejahen und annehmen, welche äußere Form er auch gerade hat.

Es ist schließlich nicht nur wichtig, wie die Welt und Lebensumstände sind, sondern WORAUF man schaut und noch wichtiger ist die Art und Weise WIE man die Realität betrachtet. Eine stimmigere positivere Lebenshaltung kann die Folge sein. Das ist keine Technik und keine Methode um ihrer selbst willen, sondern eine existenzielle Erfahrung, die tröstet, aufbaut und eine Potenzial zur Veränderung zum Guten für einen selbst bereit hält.

Das Buch „Kohelet“ aus dem Ersten Testament scheint mir besonders gut dazu geeignet, ein stimmiges Leben mit eingebauter „Dank-Schranke“ zu führen. Das Buch beschreibt das Experiment einer konsequenten Lebensführung und -betrachtung aus dem Blickwinkel des irdischen täglich Vorfindlichen, wie z.B. hier ersichtlich:

Koh 9,7 Geh, iss dein Brot in Freude und trinke frohen Herzens deinen Wein. Denn Gott gefällt seit langem schon, was du tust. Zu jeder Zeit seien deine Kleider weiß, und es fehle nie das Öl auf deinem Haupt. Genieße das Leben mit dem Menschen, den du liebst…

Darüber hinaus weist es jedoch an bestimmten Schlüsselstellen auf eine tiefer liegende Wirklichkeit hin, die jenseits des Beobachtbaren, täglich Erfahrenen und Wahrgenommenen mit allen Limitationen und Brüchen, durchschimmert. Zu ihr gilt es einen Zugang in sich selbst offen zu halten und sich in die Dimension der Zeitlosigkeit fallen zu lassen.

Koh 12,13 Zu guter Letzt lasst uns das Wichtigste von allem hören: Begegne Gott mit Ehrfurcht, und halte seine Gebote! Das gilt für jeden Menschen.

Beides fällt zusammen und wird ineinander verschlungen integriert, indem das Dank-Experiment durchgeführt wird. Bei einem Gedankengang, wie er auch sei, z.B. dem jetzigen, während du das liest, z.B. zu sagen: „Danke, dass ich hier sitzen kann.“

Und es ist seltsam: Die Welt um mich herum bekommt auf einmal eine andere Farbe. Sie ist intensiver, irgendwie mehr Rottöne sind darinnen, aber nicht nur. Irgendwie ist alles bunt.

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We may get tired, but we have to keep singing! Keep sharing!

This is a great encouraging and inspiring speech from Canadian „Postmodern Psalmist“ (Bono) Bruce Cockburn at the Folk Alliance People’s Voice Awards on Feb15, 2017. He encourages everyone to be creative and truthful in expressing reality the way one experiences it. The singers and artists can be a decisive voice in the consciousness of a society. In the fantasy world of alternative facts everyone is called to be a channel of the real!

Here is a little taste of his blunt and energizing words:

„Ok… all politicians, all human beings, operate from mixed motives. It’s always tempting to think that what’s good for me is good for you too. That’s why we need to have dialogue, debate, respect for each others’ opinions and feelings. Especially if you want to run a democracy, you must value the expression of these things. Based on that, it seems evident that the current administration is not much interested in democracy. I don’t know, maybe their supporters are tired of the responsibility… but somewhere in the steaming ocean of bullshit they’re creating is a place for, a definite need for, truth.“

„And what truth are we best in a position to encourage? Obviously communication: community. The specific content of a given song is of less consequence than the way in which that song can be a focal point for collective energy.“

„Just fucking tell it like you see it and feel it. If you don’t see it and feel it, write about something else. Songs need to come from the heart or they don’t count for much.“

To me this is one of the highlight sentences. I think it can apply to writers, preachers, contemplatives and everyone else as well.

Here’s the video and here’s the transcript of the speech.

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In der Welt gestalten in Gelassenheit – eine Einstimmung auf das NUN

Meister Eckhart (1260-1327), diesem faszinierenden Vordenker, Prediger und Mystiker des Spätmittelalters ging es nicht um eine Mystik auf dem Meditationskissen oder ein Rückzug ins Kloster. Vielmehr engagierte er sich in Erfurt und Köln für ein Handeln IN der Welt – in Gelassenheit.

Eckhart, der von der Kirche als „Häretiker“ verurteilt wurde, diente mit seiner Betonung der „Gottesgeburt“ im einzelnen Menschen womöglich als Vorläufer der Reformation. Ihm ging es jedoch nicht um eine reine Innerlichkeit oder der Suche nach besonderen spirituellen Erlebnissen. Er wollte zu einer Lebenspraxis des praktischen Tuns des Guten anleiten.

Jede*r kann und soll seine „eigene Weise“ finden, in der sie / er in Gelassenheit in der Welt handelt. Eckharts Verständnis ist dabei immer ein Dynamisches, kein Statisches. Glaube und die Lebenseinheit mit Gott ist prozesshaft. Auch die Vernunft gehört zum Glauben dazu.

Ob sich Religionen – auch das Christentum – tatsächlich als fähig erweisen zu einer Geisteshaltung der globalen Gelassenheit beizutragen, aus der heraus soziales und gesellschaftliches Handeln erwächst, bleibt zunächst fraglich. Eckhart könnte jedoch in unserer Zeit als Vordenker eines friedlichen Miteinanders der Religionsgemeinschaften entdeckt werden. Natürlich wäre das eine Übertragung seines Denkens auf heute, da er sich in seinen Predigten und Äußerungen eher an die / den Einzelne/n richtete.

Das NUN spielt in seinem Denken eine zentrale Rolle.

Alle Mystiker betonen und lehren den Weg des Verhältnisses zum jetzigen Moment.

Daran zeigt sich Präsenz, Atmosphäre, Frieden, Gnade.

Und in der Abwesenheit des NUN zeigen sich Unruhe, Unfrieden, Bedauern, Befürchtungen, Hin- und Hergerissen sein…

Eckhart sagte: „nim din selbes war“

 

Daher hier eine meditative Einstimmung auf das NUN:

Es gibt verschiedene Arten HIER zu sein:

a) als eine mit dem Verstand identifizierte und gleichgesetzte,

b) als eine mit der Zeit identifizierte und gleichgesetzte Anwesenheit

oder

c) als eine in, mit dem MOMENT – dem NUN identifizierte Anwesenheit

 

Wie geht das?

Z.B. durch Körperwahrnehmung, Atem, Hände, Energie, in die Hände JA hinein atmen, sagen

mit dem Bewusstsein nicht nur in den Kopf, sondern in den Körper gehen, die Tiefe ausloten

und so anders / tiefer / bewusst hier sein – im Jetzt sein

wahrnehmen was ist.

beobachten, gewahr-sein dessen,

was in dir aufwächst, sich belebt, blüht, bunt wird,

sich bewegt, regt, angemalt wird,

springt, läuft, schwimmt, fliegt, sitzt…..

 

und falls NCIHTS ist,

um so besser.

 

Das ist die Leere,

das Nichts,

das Unbewegte,

das Beständige,

das Haltende,

das Stehende,

das Seiende,

das Speichernde,

das Nicht-Seiende,

 

die GERÄUMIGKEIT,

 

in der etwas NEUES

aufblühen kann,

in der Farben kommen können,

in der ein anderer Mensch da sein darf,

in der Gedanken und Emotionen

spielen dürfen und beobachtet werden,

 

in der Gottes Geist belebt

das, was nicht ist,

in der Knochen sich bewegen,

zueinander kommen,

in der

Gottes Geist zum Blühen bringt,

zum Leben,

zum Tanzen,

zum Lebendig-Werden!!!

 

Im NUN brauchst du nicht permanent zu

überlegen – wo soll ich langlaufen?

nein, in deinem Überlegen bist du,

SCHON DA

JETZT, NOW, NUN

im Moment

 

Meister Eckhart, Predigten und Schriften (Fischer: Frankfurt/M / Hamburg, 1956)

Hier ein aufschlussreicher Beitrag des Deutschlandradios über Eckhart

Hier ein interessantes Kurzinterview mit Matthew Fox über Meister Eckhart

Hier ein inspirierender Blog, in dem Quellen der Mystik für heute rezipiert werden

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Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und Gottebenbildlichkeit?

Die Solidarisierung einer Gesellschaft mit den Ärmeren, Unterdrückten und unter durch Menschen gemachte Strukturen Leidenden zeigt sich nicht (nur) in der Armenfürsorge oder sozialen Hilfsaktionen. Vielmehr erweist sie sich durch eine Anerkennung des Werts und der damit einhergehenden Menschenrechte aller Bürgerinnen und Bürger eines Landes.
Christlich wurde das mit der imago Dei begründet. D.h., dass die Gottebenbildlichkeit allen Menschen zu Eigen ist und daher ihre Gleichheit begründet. Neben der Gottebenbildlichkeit wird auch die „Gotteskindschaft“ für die christlich begründete Würde und den damit einhergehenden Anspruch auf Bürger-, bzw. Menschenrechte verstanden. Anders als in der calvinistischen Theologie wird der Mensch in diesem Denken als zum guten Handeln fähig angesehen.
Der Urgrund der „Flamme der Hoffnung“ auf ein Zusammenleben, in dem die einzigartige Würde und der Wert eines jeden Menschen anerkannt wird, kann m.E. nach tatsächlich in der Ebenbildlichkeit Gottes im Menschen, wie sie in der Schöpfungserzählung aufgezeigt wird, gesehen werden. So sah es offenbar auch Martin Luther King, der in dieser Hinsicht von Walter Rauschenbusch, dem Hauptvertreter des „Social Gospel“ u.a. beeinflusst war.
vgl. Michael Haspel, Die Quellen von Martin Luther Kings theologischer Konzeption der Menschenrechte und sozialen Gerechtigkeit (Zeitschrift für Theologie und Gemeinde 21, 2016: 290-312).
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Einfach weiter

Einsteigend in das kleine Flugzeug

hoben wir ab,

nur um gleich darauf wieder

niederzusinken.
Verblüfft stellte ich fest,

dass das Flugzeug seine Flügel

einklappen konnte

und so zu einem Bus wurde.

Wir fuhren einfach weiter.

Irgendwie schien es nicht so zu sein,

dass wir jemals ankommen würden.

Also fuhr’n wir einfach weiter.

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Von der Erlösung der privatisierten Seele zur Wiederherstellung der zerbrochenen Weltseele (Von der Jakobsleiter zu Saras Kreis, Teil 6)

In einer gesellschaftlichen Atmosphäre, in der politische Gruppierungen mit Angst, Einschüchterung und Bedrohungsszenarien arbeiten um Macht zu erlangen und ihre Agenda durchzusetzen, bietet der Paradigmenwechsel „von der Jakobsleiter zu Saras Kreis“ eine befriedende und verbindende Alternative. Matthew Fox meint, dass wir am Rande einer untergehenden und abgestumpften geistigen Epoche stehen. Das bedeutet gleichzeitig, dass wir am Rande einer neu auftauchenden stehen. Es ist gut und wichtig, dass wir „randhungrige“ Menschen sind, denn wir brauchen den Mut, einen Sprung zu tun.

Dieser Sprung ist kein „Sprung des Glaubens“ (wie Kierkegaard meinte), sondern ein Sprung vom Dualismus zum Sowohl-als-Auch, von der Kontemplation zum Mitgefühl, vom Ich zum Wir, von der Leiter zum Kreis, vom Klettern zum Tanzen, von der Kontrolle zur Feier, von Newton zu Einstein, von einer Wirtschaft des nationalen Reichtums zu einer auf die globale Armut bezogene Wirtschaft. Von einer regionalen Heimat zu einer Heimat im globalen Dorf!

Mit dem Erlernen und Lehren von Mitgefühl (Compassion) und der Suche nach „Saras Kreis“ geht eine gesellschaftliche und politische Verschiebung einher: Loslassen, kreativ sein und die Überlassung von Verantwortung gewinnen an Bedeutung, während elitäre Machtstrukturen, Kontrolle, Gewalt und Hierarchien in Kirche oder Staat mehr und mehr ins Leere laufen. Diesen Prozess führt Fox anhand der Beispiele Energieversorgung, Gesundheitswesen und Bildung aus und veranschaulicht den Wechsel anhand verschiedener christlicher Lehren (Gottesreich, Mystischer Leib Christi, Kosmischer Christus, Gemeinschaft der Heiligen).

Es geht darum einen neuen spirituellen Fokus einzunehmen, indem Menschen Gott in der Welt finden, im Prozess des Wandels und Neuschaffens. So ist das Christentum kein Glaube des Rückzugs, kein introvertierter Glaube mehr, sondern eine mitfühlende, der Welt zugewandte und sie verändernde Lebensweise. Wunderbar poetisch und mit eindringlichen Sprachbildern beschreibt der Kanadische Songpoet Bruce Cockburn diese Sicht von Spiritualität in seinem musikalisch äußerst sperrigen Lied „To Fit in My Heart“ aus dem Album „Life Short Call Now“ aus dem Jahr 2006:

Endless silver
Wave forms crash in
Sea’s too big to fit in my brain [heart]
Nothings too big to fit in my heart

Seas come, seas go
Where they stood deserts flow
Time’s too big to fit in the brain
Nothing’s too big to fit in my heart

Spacetime strings bend
World without end
God’s too big to fit in a book
Nothings too big to fit in my heart

(Quelle: Cockburnproject.net)

Eine gesunde Spiritualität stiftet dazu an Bindungen und Verbindungen zu finden, ganz gleich in welcher besonderen geistigen Tradition wir stehen und welchem Weg wir folgen. Die Welt als globales Dorf ist wie ein zerbrochenes Mandala. Und ein kritisch und praktisch verstandenes Mitgefühl bildet den Klebstoff dafür. Daher ist diese Kraft des Mitgefühls auch nicht altruistisch misszuverstehen, sondern stellt eine Frage des Eigeninteresses dar. Vielleicht werden Menschen dadurch zu harmonischen Tänzerinnen und Tänzern in Saras Kreis, Teilende auf der guten Erde, Schöpfer und Gerechtigkeit Schaffende in einem wechselseitig abhängigen politischen und wirtschaftlichen System.

Leider geriet über die Jahrhunderte hindurch ein großer Teil der christlichen Tradition unter den Einfluss neuplatonischer Philosophien bezüglich der „Seele“ und des Heils. Dadurch wurde Religion privatisiert, introvertiert und konzentrierte sich mehr auf die Unsterblichkeit und das Leben nach dem Tode als auf den Anfang des ewigen Lebens und des Mitgefühls vor dem Tode.  Damit wurde das ganze „großartige und wilde Geschichtsdrama“, von dem die Bibel erzählt, in eine spiritualisierte Weisheit gewandelt, in der es um pastoralen Rat und Trost geht und Gottes Gnade die Angst vor dem Gericht überwindet. Fox zitiert den schwedischen Neutestamentler Krister Stendahl, der sagt:

„Diese Methode, mit der solche Konzeptionen unter den Tisch fallen und übermächtige, majestätische Worte auf die Probleme unserer kleinen Seele angewendet werden, gehört zu den Elementen, die Bonhoeffer zu Recht als „billige Gnade“ bezeichnete und in denen Marx und andere richtig das „Opium des Volkes“ erkannten.“ (Compassion, S. 293).

Die Definition der christlichen Sendung als „Rettung der Seelen“ als vorherrschende Definition geht einher mit der Entfernung der Seele vom Körper, sowie der Entfernung des praktischen Tuns von der politischen und kosmischen Gemeinschaft. Diese Entfernung mit der Verlagerung in den Privatbereich sollte abgelöst werden von der Basis geistiger und mitfühlender Tätigkeit im öffentlichen Leben. Wir sind eingeladen, uns von der Beschäftigung mit der Erlösung von einzelnen Seelen oder unserer privaten, individualisierten Seele zur Beschäftigung mit der Erlösung einer Welt zuzuwenden, die selbst eine Seele ist. Sie ist eine relative, eine bezogene und keine absolute Seele. Alle Religionen sind aufgerufen ihre Bürgerinnen und Bürger zu Lebensweisen einzuladen, die in ihrer Hingabe an die Freude und das gerechte Teilen und des Feierns erfüllt sind. Das heißt nach Fox von Mitgefühl erfüllt zu sein.

Das altkirchliche allumfassende Gebet „Gloria Patri“ kann auf diese Heilung der gebrochenen Weltseele bezogen und von uns adaptiert werden:

Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist,
wie im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit. Amen.

Noch deutlicher wird das im Englischen:

Glory Be

Glory be to the Father,
and to the Son,
and to the Holy Spirit,
as it was in the beginning,
is now, and ever shall be,
world without end. Amen.

Matthew Fox, „A Spirituality named Compassion: Uniting Mystical Awareness with Social Justice“ („Mitfühlen Mitdenken Mitfreuen: Die neue Verantwortlichkeit des Menschen an der Schwelle zum 3. Jahrtausend“ San Francisco: Harper, 1979 / 1990, S.275ff.).

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Von der Jakobsleiter zu Saras Kreis, Teil 5

4. Die Relativität von Raum und Zeit oder „Die Gemeinschaft der Heiligen“

Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft – jenseits von linearer Zeit existiert eine wechselseitige Verbundenheit, die nicht weicht, selbst wenn das Leben weicht. Der Begriff „Heiliger / Heilige“ meint nach Matthew Fox nicht tote und / oder absonderliche Personen, sondern zielt eigentlich auf die Gemeinschaft aller ab.

Tatkräftiges Mitgefühl ist die Kraft, die unabhängig von Raum und Zeit, Himmel und Erde, Leben oder Tod, Sünde oder Reinheit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Menschen miteinander verbindet. Die Lehre von der „Gemeinschaft der Heiligen“ (Hebr 12,1) deckt den mechanistischen Mythos von der Idee isolierter Teile auf. Sie lehrt, dass es selbst über die Schranke des Todes hinaus keine ganz isolierten Individuen gibt.

Isolationismus und Individualismus funktionieren nicht zusammen mit dieser Zeit und Raum übersteigenden Wirklichkeit. Die Verknüpfung aller stellt eine deutlich kritische Anfrage an isolationistischen Sehnsüchte und Bestrebungen dar.

Matthew Fox, „A Spirituality named Compassion: Uniting Mystical Awareness with Social Justice“ („Mitfühlen Mitdenken Mitfreuen: Die neue Verantwortlichkeit des Menschen an der Schwelle zum 3. Jahrtausend“ San Francisco: Harper, 1979 / 1990, S.272).

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