Was die Zukunft mit uns vor hat: Das große Bild sehen

In unserem Pastorenteam sprechen wir immer mal wieder über das „große Bild“, wie man es frisch hält, es klar sieht und davon für das tägliche Handeln inspiriert wird. Ich glaube es gibt wenig, das Menschen so sehr in Bewegung bringt wie der Blick auf das große Bild, worum es geht, wohin die Reise geht und wozu wir tun, was wir tun. Mir selbst geht es auch so, dass ich leichter ins Straucheln gerate, wenn mir nicht so klar ist, wohin der Weg führt. Dabei ändert sich das Bild immer wieder, es ist formbar und von verschiedenen Winkeln aus betrachtbar.

Eine Weise das große Bild zu sehen sind drei Aufträge, die die Menschen christlichen Glaubens in den letzten Jahrzehnten zu einem drastischen Umdenken brachten. Es geht um gewaltlose Wege zum Frieden, globale Gerechtigkeit und den Schutz der Biosphäre vor der menschlichen Zivilisation. Und es gibt eine weitere zentrale spirituelle und gesellschaftliche Aufgabe, die auf uns wartet angegangen zu werden.

  1. Gewaltlose Wege zum Frieden suchen

Seit dem 4. Jahrhundert war es gesetzt, dass „christliche Staaten“ Krieg führten. Christen dienten an der Waffe und damit war die Kirche einverstanden. Die Schwärmer und Träumer, die sich dem entgegenstellten, liefen ins Leere oder erfuhren deutliche Ablehnung. Selbst in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts spielte die Kirche eine gewaltfördernde Rolle und half zum Großteil mit bei der Ausführung des Kriegs. Die ersten Pazifisten wurden als Verräter verschrieen. Von gewaltlosen Ansätzen zum Frieden sprach kaum jemand.

Wer später bei der Gründung der Bundesrepublik von Friedenspolitik und dem Friedensauftrag zwischen Ost und West sprach, galt in der Kirche als weltfremder Außenseiter. Doch langsam begannen Kirchenleitende und kleine Friedensgruppen von einem Friedensauftrag zu sprechen. Auch die Kirchentage brachten diese Perspektive als zentrales Element auf ihre Agenda. Durch die ökumenischen Versammlungen in Genf 1666 und Uppsala 1968 bekam die Friedensinitiative noch mehr Schub. In den 80er Jahren zeigten sich Hunderttausende Christen auf Großdemonstrationen für den Frieden. Doch die Unterstützung der offiziellen Amtskirche war immer noch mager.

Inzwischen wird der Auftrag zur aktiven Gewaltlosigkeit und zur Friedenspolitik als zentraler Auftrag der Gemeinde immer mehr gesehen. Es ist klar, dass es in der Botschaft von Jesus nicht nur um inneren und persönlichen Frieden geht. Wenn man von Engagement gegen Gewalt und Krieg spricht und von der Suche nach gewaltfreien Wegen, ist man nicht automatisch weltfremd oder ein Träumer. Viele haben angefangen in diesem Auftrag und Vorgehen die Worte von Jesus wieder zu erkennen.

Diesen Auftrag gilt es m.E. nicht aus dem Blick zu verlieren. Ich finde es bedeutungsvoll ihn persönlich anzuwenden und als Gemeinschaft in der Gesellschaft zu verkörpern. Es ist ein wertvoller, bedeutungsvoller Auftrag, wie zahlreiche Beispiele (wie Martin Luther King) in der Geschichte gezeigt haben. Und es ist kein harmloser, sondern ein bissiger und aktiver Teil des großen Bildes, das uns vor Augen steht. Ich finde das erkennt man besonders gut an dem Vorgehen der Bürgerrechtsbewegung in den USA zur Zeit von M. L. King. Hier ein Ausschnitt aus dem Film „Selma“:

Eine aktive Friedenshaltung und Gestaltung in der Sprache, im Umgang mit den Feinden, dem Anderen und dem Fremden trägt dazu bei, dass dem Hass, der Gewalt und Destruktivität in einer Stadt, in einem Land und in der Welt etwas entgegengesetzt wird. Und dass Wert und Würde der Menschen und der menschlichen Gemeinschaft ihren rechtmäßigen Platz finden. Das ist für mich eine schöne, lohnenswerte und äußerst mobilisierende Facette des „großen Bildes“.

Literatur:

Jörg Zink, Gotteswahrnehmung, Wege religiöser Erfahrung, 2. Aufl. (Gütersloher Verlagshaus, München: 2010)

Filmempfehlung: Bildergebnis

 

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Gibt es eine legitime kämpferische Note des Glaubens?

Achtung – Eine Vorbemerkung!

In den nachfolgenden Zeilen tauchen militärische,

zum Teil kämpferische Vokabeln auf.
Diese sind nicht gesellschaftlich oder politisch anzuwenden
oder zu verstehen.
Sie werden rein auf der psychologischen, bzw.
spirituellen Ebene gebraucht.
Mit dieser Abgrenzung zu jeglicher Gewaltanwendung
gegenüber Menschen bewege ich mich
auf der Linie des Neuen Testaments,
so wie ich es verstehe.

1Timotheus 6
12 Kämpfe den guten Kampf des Glaubens, ergreife das ewige Leben,
zu dem du berufen bist und für das du das herrliche Bekenntnis vor vielen Zeugen abgelegt hast.

Bei diesen Worten könnte man denken,
oha der biblische Text erweckt jetzt den Kampfgeist…
den „Kampf des Glaubens“ gilt es zu kämpfen,
offenbar geht es dabei nicht um einen wirklichen Griff zu den Waffen.

Doch heißt das, dass wir jetzt in der spirituellen Dimension „Land erobern“,
so wie vor vielen Jahren in stark charismatischen Liedern und Worten zu hören war?
Dass wir einen Triumphalismus wiederbeleben und gegen negative Gedanken
und geistliche Mächte gebetsvoll angehen?

…. damit hätte, habe ich Probleme. Aus gutem Grund, wie ich meine.

Viele kennen genügend Beispiele
für Manipulation und „sich benutzt fühlen“
durch Glaubenseinpeitscher, die
angestrengt,
künstlich,
„jetzt komm Heiliger Geist!“
rufen.

Und es gibt eine Kreuz leugnende schädliche
und krankmachende
Glaubens-
und
Gebetstheologie,
die viel Schaden angerichtet hat,
Leute in den finanziellen Ruin
und psychische Depression befördert hat….

In so einem theologischen Muster wird aufgerufen zu
mehr Glauben, Gebeten, und dem Widerstand
gegen destruktive spirituelle Kräfte!

Das klingt alles so militärisch und so kämpfend und so anstrengend….

Und doch….
Und doch….

Kann ich es mir manchmal von anderen zusagen oder zusingen lassen,
kann mich hineinsaugen lassen in eine Glaubensatmosphäre,
die eine kämpferische Note in mir zum Klingen bringt.

Natürlich besteht die Gefahr in einen primitiven Dualismus zu verfallen.
Aber auch die Gefahr einer naiven Einheitsvorstellung mit dem Universum,
in der die großen Harmonie aller Dinge zu sehen ist, zu verfallen
ist nicht von der Hand zu weisen.

Nein. Es gibt auch eine Dimension
des Unglaubens,
des praktischen Atheismus unter glaubenden Menschen!

Theoretisch glauben Christen an einen todesüberwindenden Gott,
aber praktisch lass ich mich manchmal hängen,
als gäbe es ihn nicht.
Als wäre er für mich nicht wirklich!

Das klingt jetzt schon wieder so
als würde ich mir es selbst nicht erlauben,
an meinen Lebensumständen zu leiden.
Oder Schmerz zu fühlen.
Doch so ist es nicht gemeint.

Daher:
Irgendwann darf auch mal ein deutliches
aus innerer Klarheit heraus
gewonnenes
NEIN!
SCHLUSS JETZT!
im Glauben an den Messias ausgesprochen werden!

Dann lässt sich feststellen:

Es gibt nicht nur Depressivität, Verzweiflung durch täglichen Kampf,
besonderer Herausforderungen des Täglichen, in der Lebensgemeinschaft oder
die Aktivierung alten Schmerzes aus der Vergangenheit,
die eigene erfahrene Schwachheit, Bedürftigkeit und Hilflosigkeit.

Ich darf feststellen:

Ich muss nicht in meiner Depressivität und meinem Schmerz versinken.

Ich darf eine Geräumigkeit drum herum erfahren.

Durch das Kreuz Christi wird ein Raum um meinen Schmerz gespannt.

Es ist so: Die Erinnerung werde ich nicht los. Den Schmerz habe ich nach wie vor. Aber Jesus – der Christus – hat einen Platz drum herum aufgespannt! Denn er hat allen Schmerz mit mir geteilt und teilt ihn auch jetzt. Und er ist dabei nicht stehen geblieben, sondern hat demKampf etwas entgegengesetzt: Einen Sieg!

Vor lauter Unsicherheit, Ängstlichkeit und Schwächegefühl kann die kämpferische Natur von Spiritualität so in den Hintergrund treten, so dass der Biss, die Ecken und Kanten und somit auch der heilsame Widerstand gegen innere destruktive Gedankenmuster verloren gehen.
Anders herum kann durch die Annahme der Kantigkeit, der spirituellen Kampfdimension des Glaubens, eine Vitalisierung des Handelns und Haltung geschehen. Und ich stelle fest: Die kämpferische Seite des Glaubens hat eine belebende Auswirkung auf das eigene Beten.

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Henry David Thoreau und die Lust am Schlendern

Eine wenig genutzte und doch wunderbare Fortbewegungsart ist das Schlendern. Henry David Thoreau (1817-1862), ein faszinierender amerikanischer Philosoph und Schriftsteller, fand durch das von ihm sogenannte „Schlendern“ (sauntering) zu einer Lebendigkeit und Achtsamkeit in den Wäldern bei Concord am Walden-See.

Thoreau schlenderte durch die Natur und erkannte sich selbst in seiner Lebendigkeit wieder in den Vögeln, dem See und den Bäumen. Er verbrachte die Zeit in der selbstgebauten Hütte, mit den Streifzügen durch die Landschaft und dem Schreiben.

Er war jedoch kein einfältiger Naturliebhaber, der die Brutalität in Umwelt und Gesellschaft ausklammert.

Vielmehr äußerte er deutliche Kritik an der profitorientierten Wirtschaftsordnung.  In ihrer schlechtesten Ausprägung zur Zeit der Industrialisierung und zu allen Zeiten werden darin Menschen weniger als lebendige Wesen als vielmehr als Maschinen angesehen. Demnach betrachtete Thoreau die Besessenheit von Arbeit als ein großes Hindernis auf dem Weg zu einem achtsamen und bewussten Leben. Dagegen setzte er sein einfaches Leben am See und in dessen Natur.

Thoreau praktizierte dann auch aus seiner achtsamen Lebenshaltung heraus den zivilen Ungehorsam. Er verweigerte die Kopfsteuer seiner Zeit, weil damit die Sklaverei und später ein expansiver Mexikokrieg finanziert werden sollte. Aus seiner Erfahrung im Gefängnis erwuchs die bis heute einflussreiche Schrift „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“. Sowohl Gandhi als auch Martin Luther King wurden durch sie zu ihrer Praxis des gewaltfreien Widerstandes inspiriert. Als Vortragsreisender wandte sich Thoreau schließlich immer wieder gegen soziale Ungerechtigkeit, materialistisches Profitdenken und Sklaverei.

Für mich bleibt der Weg der Achtsamkeit und der Wahrnehmung der Natur wichtig. Dabei geht es zunächst darum den Moment zu achten. Damit meinen die Mystiker*innen aller Zeiten, dass ich den Moment achte, nicht vor ihm weglaufe, mich nicht wegdenke oder meine, dass das, was gerade ist, nicht sein dürfte. Aus dieser Bewusstheit kann mit einer Friedens-Autorität und Energie Widerstand gegen Ausbeutung von Umwelt und Menschen angegangen werden. Dazu kann das Leben, die Erfahrung und Betrachtung der Natur mit allen Sinnen ein großartiges Einfallstor sein. Darin zeigt sich der Urgrund aller Dinge, darin webt und wirkt die Lebendigkeit, darin ruht ihre Fülle.

Vielleicht wäre es gut für mich, öfter mal nicht nur zu gehen, zu fahren oder zu laufen, sondern zu Schlendern.

Quellen:

Wikipedia

Philip Hallie, Tales of Good and Evil, Help and Harm (New York: Harper Collins, 1998)

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Ein kreativer Weg die Stadt zu erleben: Serve the City

Die Aktionswoche für soziales Kurzzeitengagement Serve the City läuft bei uns in Bremen jetzt zum siebten mal. Über die Stadt verteilt werden in 40 Aktionen Räume renoviert, Ausflüge gemacht, Gärten gestaltet, ein Baumhaus aufgefrischt und kulturverbindende Tänze eingeübt. All dies dient zur Verständigung, zum Brückenbauen unter verschiedenen Menschen aus allen möglichen kulturellen und religiösen Hintergründen, sowie zur Förderung einer Atmosphäre der Freundlichkeit und Offenheit in der Stadt.

Heute war ich als Fotograf bei der Bremer Tafel und habe erstaunliche, sehr nette Menschen kennen gelernt mit bemerkenswerten Biographien. Alle packten an, sortierten Lebensmittel und bereiteten die Lagerhalle für die Gäste vor.

Als Pastor einer evangelischen Freikirche habe ich immer nach einer solchen Möglichkeit gesucht sich auf einfache Weise praktisch für die Belange anderer zu engagieren ohne dabei Menschen von religiösen Dingen überzeugen zu wollen. Nach meinem Verständnis sind die Jesusleute genau dazu da um im Dienst eingesetzt sich die Finger dreckig zu machen, Grenzen zu überqueren zwischen arm und reich, alt und jung, gebildet und weniger gebildet, geflüchtet und alteingesessen usw. Das internationale Motto von Serve the City lautet „Cross the Line“, ins Leben gerufen vom Gründer Carlton Deal in Brüssel. Eine großartige Motivation und Inspiration ist dieser Slogan für mich. Hier ist das Motto in einem Video umgesetzt:

Also mach ich in dieser Woche wie immer in den letzten 7 Jahren mit bei verschiedenen Aktionen in der Stadt und im Dokuteam. Es macht mir Spaß nette Menschen kennen zu lernen, sich mit anderen für großartige Initiativen einzusetzen und das Gefühl zu kultivieren gebraucht zu werden und etwas Sinnvolles zu tun. Seitdem ich dabei bin sehe ich die Stadt mit anderen Augen. Ich kenne ganz andere Ecken, habe viel Respekt gewonnen gegenüber den zahlreichen Engagierten, die aus unterschiedlichsten Gründen Zeit und Energie aufwenden um Bedürftigen, Benachteiligten oder Beeinträchtigten zu dienen. Oder die etwas tun für den sozialen Zusammenhalt und eine Atmosphäre der Wertschätzung in der Stadt.

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Ein weggerollter Stein und ein leeres Grab – Sehnsucht nach dem Nichts

In einer hypervernetzten Welt, in der wir ständig on und kontaktbar sind und in der unsere Terminkalender und Köpfe vollgestopft sind, erscheint mir das Betreten der Dimension der Stille und des Nichts um so wichtiger.

Seit geraumer Zeit beschleicht mich jedenfalls eine starke Sehnsucht danach. In der momentanen Phase möchte ich weder mehr Liebe, Wahrheit, Kraft oder irgendetwas haben. Auch auf Geschichten jeglicher Art kann ich mich nicht einlassen.

Am liebsten hätte ich mehr Nichts, wenn das überhaupt geht und Sinn macht. Meister Eckhart interpretierte eine Aussage des Neuen Testaments auf interessante Art und Weise. Er meinte, der Satz „Nichts ist ohne ihn entstanden“ (Joh 1,3b) bezöge sich auf eben das Nichts, das Christus hervorgebracht habe.

Natürlich ist Nichts kein Etwas, daher ist diese Betrachtungsweise sprachlich und inhaltlich schwer zu fassen. Dennoch wird damit etwas Wesentliches von der Realität des Seins, das größtenteils aus leeren Räumen besteht (z.B. auf atomarer Ebene) bezeichnet.

Im Auge eines Hurricanes, in dem die Stille des Nichts herrscht, möchte ich sein und das Auge des Sturms darf in mir sein. Dazu meditiere und betrachte ich…

  • Die Leere des Grabes
  • Die Stelle, an der der Stein lag und an der nun nichts ist
  • Das Nichts zwischen den Cherubinen, die auf der Bundeslade thronen
  • Die Leere des Raumes um mich herum und zwischen den Möbelstücken
  • Die Lücken zwischen Gedanken und Worten
  • Ebenso kann es dienlich sein, alles, was ich an mir trage (Uhr, Smartphone, Schlüssel) in eine Schale zu legen
  • Vielleicht sende ich jemandem oder mir selbst als Erinnerung das hier „(                       )“

All dies dient der Tuchfühlung mit der Dimension der Stille und Leere. Diese hat einen großen Wert an sich. Ich möchte gerne Platz schaffen in meinem Inneren. Einen Raum der Leere, des Nichts betreten. In ihm sein und leben. Ich weiß, dass er da ist. Doch die permanente mich umgebende Unruhe macht es zu einem Kunststück, in dieser Entleertheit zu verweilen.

Aus der Dimension der Leere und Stille des Grabes trat jedoch der Auferstandene heraus. Aus ihr erstand neues Leben. Aus ihr entsprang die neue Schöpfung. Aus ihr gewannen Menschen kreative Liebe und brachten mit ihr die Friedensbotschaft Jesu in eine neue lebendige kollektive Gestalt. All die positiven Dinge auf der Erde entspringen ihr. Wenn z.B. Menschen mit Geflüchteten zusammen leben und arbeiten, wenn sie helfen, heilen und die weltgestaltende Kraft des Guten nutzen, wenn Kreativität und Innovation Platz gegeben wird, dann oft aus Berührung mit dem eigenen Tiefenbewusstsein, in dem Stille und Leere sind.

 

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Warum Jesus Beachtung schenken?

Warum lohnt es sich Jesus Beachtung zu schenken? Warum lohnt es sich ihn heute zu beachten? Eine gute Frage, wie ich finde.

Dieses Bild „Christ in the Breadline“ von Fritz Eichenberg (1901-1990), Quaker und Teil der katholischen Arbeiterbewegung zeigt uns Jesus inmitten einer Schlange von Menschen, die für Brot anstehen. Das Bild wurde für die katholische Arbeiterbewegung geschaffen und wurde mit ihr identifiziert. Es zeigt eine aus der Zeit der Great Depression (die schwere Wirtschaftskrise in den USA in den 1930er Jahren) Schlange aus leidenden Menschen, die auf etwas zu essen warten. Mitten drin in der Linie steht ein bescheiden aussehender Charakter, der deutlich als Jesus identifizierbar ist. Hier findet man einen „Jesus des Volkes“.

An dieser Darstellung gefällt mir besonders die Verwundbarkeit des Christus, der sich hier einreiht in eine Linie der Wartenden. Er steht und schleppt sich einfach mit ihnen voran. Er drängelt sich nicht vor, sondern ist präsent mit den offenbar Frierenden und Hungernden.

Offenbar liebt es Jesus sich bei den Armen aufzuhalten. Das gibt mir zu denken, wenn ich mir die Frage stelle „Wo hält sich Jesus heute auf? Und wo halte ich mich auf?“.

Das Bild, das Fritz Eichenberg zeichnete, ist ein wie ich finde sehr zukunftsweisendes und zutreffendes Bild des Christus. Jesaja 42,1-4 und Lukas 7,18-23 u.a. weisen den Weg zu einem solchen Verstehen. Darin wird auf die Dienstbereitschaft des „Gottesknechts“ hingewiesen, der nicht aufhören wird sich für Gerechtigkeit auf Erden einzusetzen. Diese Gerechtigkeit, eine Wiedergutmachung der Dinge, eine Heilung und Integration betrifft besonders die Armen, Abgeschriebenen, Tauben, Unreinen und Blinden.

Auf den Punkt gebracht ist die Verwundbarkeit Gottes eine starker Grund für mich zu glauben. Sie steht im Gegensatz zu allen Versuchen engstirnige Lehrargumente zu konstruieren, Zugang zu Gott zu beschränken anhand von moralischen und rituellen Identitätsmerkmalen einer Gruppe, sowie Zweifel, Fragen und Widerspruch zum Schweigen zu bringen. Es lohnt sich Jesus zu beachten, weil wir es nicht müssen. Wir können seiner Geschichte zuhören und in sie eintreten, weil es eine offene ist. Sie erlaubt Varianten. Sie erlaubt sogar Widersprüche und Gegenentwürfe. Und in diesem Konzert der Bilder und Erzählungen kann man Jesus sehen. Und ich glaube, dass es stimmt: Menschen wollen einem „Jesus des Volkes“ durchaus nahe und ihm ähnlich sein.

Hier ein Beitrag des mennonitischen Theologen Ted Grimsrud zur weiteren Vertiefung.

 

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Eine Fahrt entlang der Lagerstraße zum Massengrab (Bremen-Farge, Schwanewede, Neuenkirchen)

Vorbei an den Dünenrücken
Bewachsen von Kiefern, Moos und Birken
Gemächlichen Fortkommens in die Pedale tretend
Auf dem knirschenden Kreuselbelag des Weges

Der Hund voraus und vorneweg
Um nichts zu verpassen
Von der Lebendigkeit der Schöpfung
Und der Freude des Seins

Gelangten wir abseits einer lautstarken Übung
Die offenbar militärischem Zwecke diente
Immer näher zu unserem Ziel
Zu den 783 durch Zwangsarbeit Ermordeten
Vor allem polnischer und russischer Herkunft


Absteigend vom Rad bleib ich stehen und schaue
Auf das Kreuz das erinnert an den
Irischen Seemann Patrick Green 
der dort verscharrt mit den andren

Um 1949 wieder umgebettet zu werden auf ein Friedhof
In Bremen-Osterholz
Zusammen mit den andren 782


Wie immer denke ich an Patrick Migdal
Der erzählte wie beim Bau des Bunkers Valentin
Erbrochenes musste er essen
Wie ein Hund musste er bellen
Wässrige Suppe musste er löffeln

Während die Aufseher voller Herrschaftsgift im Hirn
Sich einen grinsten und sich weideten
An der Entmenschlichung der Vielen
Und der sadistisch höhnischen Behandlung des Einzelnen
Mit der man nicht mal umginge mit einem Tiere
selbst als ärgster Feind

Die 783 brachten wie immer
Ein oder zwei Tränen hervor
Und das verwehende Schweigen der Umgebung

Der drei Zypressen grün und lebensfördernd
doch das Grauen bezeugend wie die Findlinge
die stumm und mit Gewicht
Erinnern und ehren
die Qualvoll Ermordeten und Verscharrten

Und das Ganze bei mir um die Ecke
Vor nicht allzu langer Zeit
Um nicht zu sagen vor Kurzem
Geschichtlich betrachtet

Geschichtslehrpfad.de Dokumentations- und Gedenkstätte Geschichtslehrpfad Lagerstraße/U-Boot-Bunker

Geschichtslehrpfad Flyer

Handy Guide

 

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