„Die Welle ist das Meer“ – gelassen und gegenwärtig leben –

Dieses in Interviewform verfasste Werk (Willigis Jäger, Die Welle ist das Meer: Mystische Spiritualität, 6.Aufl, Herder: Freiburg, 2000) wurde durch Fragen von Christoph Quarch im August 2000 zusammengetragen. Der Autor Willigis Jäger ist Gründer und Leiter des Meditationszentrums St. Benedikt in Würzburg. Er verbrachte 6 Jahre als Zen – Schüler in Japan und ist seit 1981 selbst Lehrbeauftrager für Zen.

Im ersten Teil setzt sich der Autor mit dem Verhältnis von Mystik und Religion, von Naturwissenschaft und Spiritualität und mit dem Gottesbild auseinander („Gott ist Tänzer und Tanz“). Im zweiten Teil folgt die Betrachtung der Praxis der Mystik. Hier geht es um das Sitzen, Atmen und Schweigen und darum, welche Schritte man in der eigenen Praxis gehen kann und wie sich diese spirituelle Praxis aufs Handeln auswirkt (Meditation mündet in Aktion und umgekehrt).

Der Buchtitel offenbart bereits das klassische mystische Verständnis von Einheit zwischen Göttlichem und Menschlichen: Die Welle ist das Meer. Da gibt es keine Dualität, kein Gegenüber, kein Ich und Du (wie z.B. bei Martin Buber) und keine Beziehung. Denn in unserem wahren Wesen sind wir alle die „erste Wirklichkeit“, wie Jäger es nennt.

Von diesem Grundverständnis kann man viel lernen, jedoch habe ich damit auch meine Schwierigkeiten. Denn die biblischen Schriften enthalten meiner Meinung nach zu viel Beziehungsdynamik, zu viel Gespräch, Begegnung und Auseinandersetzung zwischen Menschen und Gott, als das man nur noch von dem großen Einssein mit dem Ursprung reden könnte. Natürlich ist die Frage wer man selbst ist, nicht leicht zu beantworten, besonders angesichts neuerer Hirnforschungs- u.a. wissenschaftlicher Ergebnisse (vgl. Richard David Prechts „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“).

Mit Sätzen wie „Aus der Sicht der Mystik ist Sünde letztlich nichts anderes als Mangel an Erkenntnis.“ (S.142) ist mir der Entwurf manchmal zu gnostischOb sich eine ethisch gesunde Lebensführung „automatisch“ ergibt, wenn man die Verhaftung an der eigenen Ich-Struktur überwunden hat, ist für mich zweifelhaft. Überhaupt steht die Mystik in der Gefahr das Geschöpfliche, die Form in Kontrast zum Eigentlichen, dem Wesen von etwas, zu sehr abzuwerten (vgl. im Gegensatz dazu die Inkarnation Christi, der Schöpfer ging in die Form, in seine Schöpfung ein Joh 1 u.a.).

Wenn man klassische theologische Aussagen über uns Menschen und über Gott stärker als Jäger gelten lässt, kann man jedoch dennoch Gewinn aus der Mystik und ihrer Praxis ziehen.  Ein hilfreicher Anstoß ist z.B. zu erfahren, dass der mittelalterliche Mensch gewöhnt war, beim Beten die Arme hochzustrecken, zu seufzen und sich niederzuwerfen, also „leibhaftiges Beten“ praktizierte (S. 132). So kann das Leben und die Glaubenspraxis wieder sinn(en)hafter werden.

Die Verbindung mit Gott zu praktizieren und nicht nur zu glauben, dazu verhilft mir das Sitzen, die Bewusstseinssammlung, Achtsamkeit beim Atmen, Wahrnehmung über den Körper, Stille und ein Dasein im gegenwärtigen Moment (Meditation). Für mich ist der Weg der Mystik sehr praktisch. Die Verbindung vom Kopf zum Herzen wird aktiviert. Ich mache Glaubenserfahrungen, kriege mich selbst sortiert, nehme durch innere Bilder wahr, was in mir vorgeht. All dies verhilft mir zur Sammlung, Gelassenheit und zum Dasein im Hier und Jetzt.

Daher bietet die christliche Mystik eine große Chance für eine Kultur, die von eigenen Gedanken, einer extremen Ergebnisorientierung, von der Identifikation mit einem Konsumenten-, und Produzentendenken und von einem durch undefinierbare äußere Kräfte hervorgerufenes Getriebensein dominiert zu sein scheint.

Willigis Jäger zur spirituellen Praxis: „Wir üben reine Beobachtung, reine Aufmerksamkeit, ohne jede Wertung, ohne uns besetzen zu lassen. Emotionen und Ängste müssen standhaft durchlebt werden. Kein Kommentar, kein Sich-fortziehen-Lassen, kein Verzerren, kein Verdrängen. … Die Desidentifikation von unseren Befindlichkeiten befreit von der Ich-Fixierung und öffnet den Blick für unser wahres Wesen. … Wenn jemand wütend ist, soll er wütend sein, aber er soll vollkommen wach wütend sein. … Dann wird man frei und erkennt, dass all diese Emotionen nur Abläufe sind, die wie Wolken über die Psyche ziehen.“ (S. 166-167).

Mit der christlichen Mystik habe ich mich an verschiedenen anderen Stellen in diesem Blog auseinandergesetzt, so z.B. hier.

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